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© Franco Stella
Rendering Schlossplatzfassade mit Portal II. © Franco Stella

2018 M06 6

Im Zeichen des Löwen

von Wilhelm von Boddien

Ein Schloss wieder aufzubauen, ist eine wahre Herkulesaufgabe. Erst recht, wenn von Schlüters Skulpturenschmuck oft nur noch wenige Bruchstücke existieren. Die Wiederherstellung von Portal I des Berliner Schlosses ist daher eine echte Heldentat.

Rom lässt grüßen: Als Andreas Schlüter im Jahre 1699 mit dem Umbau des Schlosses zu einem repräsentativen palazzo reale begann, »ummantelte« er den alten Bau, wie es Peter Stephan ausdrückte, mit einer neuen Fassade nach Vorbild des Palazzo Madama von Paolo Marucelli in Rom. Die Schlossplatzseite riss der Bildhauer und Baumeister in der Mitte auf und setzte ihr ein gewaltiges, dreiachsiges Säulenportal vor. Auf zwei mit Rustika versehene Sockelblöcke stellte er über 15 Meter hohe, kolossale Säulen, welche mit fein ausgearbeiteten Adlerkapitellen bekrönt wurden.

An den Ecken der Kapitelle platzierte er das Wappentier der Preußen, welche hier den Abakus tragen und deren Klauen, für den Betrachter von unten nicht sichtbar, in die Blattkelche der Akanthusblätter greifen. Das darüberliegende Gebälk wird durch einen mächtigen Architrav, einen weit ausladenden Konsolfries mit geschwungenen Konsolen und plastisch herausgearbeiteten Schleuderrosetten gebildet. In die große Ordnung des Portals inszenierte er in der mittleren Achse eine kleine Ordnung, eine Superposition, mit dorisch-tuskischen, ionischen und korinthischen Stockwerkssäulen.

Auf Höhe der großen Kapitelle befindet sich in der mittleren Achse die in vergoldeten Bronzelettern gehaltene Inschrift: REGIAE. QVAM. PR. O. M. FRIDERICUS. EL. ERIGI AC. SVBST. IVSS. NOV. FACIEM. IDEM. BORVS S. REX. DEO. AVSP. CORONAT. PERFECTAM. INVENIT: »Die neue Erscheinung des Schlosses, das der treffliche große Herrscher Friedrich als Kurfürst zu erbauen und zu gründen befahl, fand derselbe zum König in Preußen mit Gottes Gnade gekrönt, vollendet.«

Das Berliner Schloss nach seiner Zerstörung im Februar 1945 von Süden mit dem gut erhaltenem Portal I. © Förderverein Berliner Schloss e.V.
Die Löwenarmatur an Portal I. Foto: © Stephan Falk
Schlossplatzfassade während der Sprengung von Portal I am 17. Oktober 1950. Foto: © Förderverein Berliner Schloss e.V.
Glossar

Unter dem Fenster des zweiten Obergeschosses, am Elisabethsaal, befindet sich der Hauptakzent des Portals: die Löwenarmatur, eine vierteilige Komposition. Über der Kante liegt das herkulische Löwenfell mit Löwenkopf und fülliger Mähne. Dessen markante Stirnfalte sitzt mittig der Augen, währenddessen die großen Pranken die Kante des Gesimses umgreifen. Über dem Fell erhebt sich ein Reiterschild mit Reiterszene. Die beiden Enden des Schildes werden aus mit Akanthus versehenen meerkatzenähnlichen Wesen gebildet. Bei der auf dem Schild dargestellten Szene reitet ein Mann mit Schild und wehendem Umhang einen nackten Gegner nieder. Ein weiterer Mann mit Schild befindet sich rechter Hand, hinter dem springenden Pferd, um es anzugreifen. Der Reiterschild wird von einem hohlen Helm mit zwei Alten-Männer-Figuren oder Sklavenfiguren und darüber befindlicher, geflügelter, barbusiger Sphinx bekrönt. Der Helm ist wiederum von einem Helmbuschen mit Köcher und Pfeilen hinterfangen.

Die Löwenarmatur ist der Verweis auf eine der zwölf Taten des Herakles (Herkules) aus dem griechischen Mythos. Der Sohn des Zeus und der Alkmene, Gemahlin des Amphitryon, ist der Nationalheld der Hellenen. Durch ein von Mühe und Arbeit, Prüfung und Sieg erfülltes Leben errang er Unsterblichkeit und sicherte sich damit einen Platz im Olymp. Herakles erhielt zwölf, als unlösbar erachtete Aufgaben, die sogenannten Dodekathlos. Wir kennen heute noch den Begriff der Herkulesaufgabe. Herakles meisterte sie allesamt: Die erste Aufgabe war, den nemëischen Löwen zu erlegen, dessen Fell kein Pfeil durchdringen konnte. So erwürgte er das wilde Tier, zog ihm das Fell ab und trug es fortan, sodass es ihn nahezu unverwundbar machte. Löwenfell und Keule sind die Attribute des Herakles.

Süd- und Ostfassade

Die Allegorie bezieht sich folglich auf Friedrich: So wie Herakles alle ihm gestellten Aufgaben schaffte, so überwand auch Kurfürst Friedrich alle Widerstände, um sein hochgestecktes Ziel zu erreichen, König zu werden. Im Reiterschild finden wir Friedrich selbst in Gestalt von Gott Zeus (Jupiter), wie er Europa beschützt vor der türkischen Gefahr. 1683 standen die Türken vor Wien – und 1691 hat ein brandenburgisches Heer, in Unterzahl, die Türken in der Schlacht von Slankamen geschlagen.

Das Vorbild für Schlüters Portal I findet man auf der Gartenseite des Schlosses Versailles. Einst hatte der Finanzminister Ludwig XIV., der französische Staatsmann Jean-Baptiste Colbert (1619–1683) an Versailles, also dem Schloss aller Schlösser, das Fehlen einer Kolossalordnung bemängelt. Ausgerechnet im kleinen Berlin demonstrierte Schlüter zu Beginn des 18. Jahrhunderts, wie man eine königliche Fassade instrumentiert. Ein imperiales Motiv! Man könnte auch sagen, dass Andreas Schlüter das Motiv in Berlin zu wahrer Größe gesteigert hat.

Nach der Zerstörung des Berliner Schlosses im Jahre 1950 blieben von dem einstmals so imposanten Portal nichts als kleine Bruchstücke, unter anderem das Fragment des gefallenen Kriegers, geborgen aus dem Trümmerschutt des Baus. Nun, über 60 Jahre später, wurde das Portal liebevoll und detailgetreu rekonstruiert und kündet bald wieder von der Glanzleistung des Baumeisters Andreas Schlüter und dem Ruhm des Auftraggebers Friedrich I., König in Preußen.

Wilhelm von Boddien hat 1992 den Förderverein Berliner Schloss gegründet und war bis 2004 dessen 1. Vorsitzender. Seit März 2004 ist er Geschäftsführer des Fördervereins. In den Jahren 1993/1994 hat Wilhelm von Boddien mit der Ausstellung Das Schloss? eine Simulation des gesprengten Berliner Stadtschlosses im Lustgarten inszeniert. Seitdem betreibt er intensive Lobbyarbeit für die Rekonstruktion des Berliner Schlosses.

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