Humboldt Forum
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© Eike Walkenhorst
Welche Zukunft?!-Labor

2018 M03 29

Eine Zeitreise zu neuer Souveränität

von Andres Veiel (Interview)

Bricht bald die nächste Wirtschaftskrise über uns herein und verstricken wir uns in brutale Verteilungskämpfe? Brauchen wir eine solche Krise, um Veränderungen anzugehen, die sonst in Zeiten der Alternativlosigkeit niemals durchsetzbar wären? Mit ihrem Projekt „Welche Zukunft?!“ wollen Andres Veiel und Jutta Doberstein in partizipativen Veranstaltungsformaten unsere Grundbegriffe von Ökonomie, demokratischer Teilhabe und Gerechtigkeit hinterfragen und neu denken. Das Format dieser Reihe ist prototypisch für das künftige Geschehen im Humboldt Forum. Dort sind Menschen eingeladen, zu debattieren, sich auszutauschen und kreativ zu werden.

Herr Veiel, Sie bringen Menschen zusammen, damit diese in verschiedenen Foren Szenarien über die nahe Zukunft entwerfen. Wie kommt man auf so eine Idee?

Auslöser war die Finanzkrise der Jahre 2008/2009. Ich machte wieder einmal die Erfahrung, zu spät zu sein, mich mit einem dringlichen Phänomen zu befassen, dass bereits geschehen ist. Die Interviews mit den Bankvorständen, auf denen mein Theaterstück Das Himbeerreich basiert, waren einerseits ein Rückblick. Andererseits geht daraus aber auch hervor, dass solch eine Krise schnell wieder auftreten kann. Hinzu kommt, dass die Zahl der Krisen sich derzeit zu häufen scheint, eine kommt nach der anderen: Finanzkrise, Eurokrise, sogenannte Flüchtlingskrise … Permanent hohe Erregung hindert uns daran, komplexe Zusammenhänge und Hintergründe zu erfassen. Krise bedeutet jedoch auch: Entscheidungen müssen gefällt werden, für die sonst der Mut fehlt. Manchmal braucht es die Krise, um zu den Wurzeln zu denken und daraus neue Modelle zu entwickeln.

Warum ein Konzept mit vier verschiedenen Foren?

Erster Schritt war eine öffentliche Recherche. Für das Welche Zukunft?!-Labor im September 2017 am Deutschen Theater luden wir Wissenschaftler aus der ganzen Welt ein, die zusammen mit Teilnehmern in 13 unterschiedlichen Workshops Szenarien für die weitere Entwicklung auf dem Gebiet der Ökonomie und Finanzarchitektur, aber auch zur Zukunft der Arbeit, der Ernährung und des Klimas entwickelten. Die Ergebnisse wurden in einem anschließenden Plenum gesammelt und zusammengeführt. So entstand eine Erzählung der nächsten zehn Jahre. Damit geht es nun ins Symposium: internationale Wissenschaftler vertiefen dort die Ergebnisse des Labors. Thematisch ist dieser zweite Schritt schon deutlich fokussierter. Das Thema des Symposiums lautet Rethinking state – Der nächste Staat. Ist der Staat ein „Altherrenmodell“ des 19. Jahrhunderts, das sich überlebt hat, da die Überlebensfragen der Menschheit nur transnational gedacht werden können? Oder ist der starke, zur Regulierung befähigte Einzelstaat dafür die notwendige Voraussetzung?

Im dritten Schritt wird die Materie dann auf der Bühne weiter entwickelt. Gut gemeinte reformerische Modelle von Staat und Ökonomie sind in der Praxis noch lange nicht gut: Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Eine Abschlusskonferenz will sich deshalb der Frage widmen, wie ein krisenimmanentes Finanz- und Wirtschaftssystem grundlegend neu gedacht werden kann.

Wissenschaftliche Expertise und öffentlicher Diskurs sind bei Welche Zukunft?! zwei wesentliche Aspekte. Welche Bedeutung haben das Deutsche Theater und das Humboldt Forum als Veranstaltungsorte für das Projekt?

Theater machen bedeutet: Innehalten, sich dem Getöse des alltäglichen Politikbetriebes zu entziehen und zugleich ästhetisch darauf zu reagieren. Das Deutsche Theater ist dafür ein prädestinierter Ort, eine solche Auseinandersetzung ist dort ausdrücklich erwünscht und wird dementsprechend unterstützt. Auch das Humboldt Forum ist von der Konzeption her solch ein Ort. Hier finden Wissenschaft, Weltkulturen und Öffentlichkeit zueinander. Einer seiner Namensgeber, Alexander von Humboldt, steht exemplarisch für Reflexion als Voraussetzung von Erkenntnis: Er hat als Botaniker, Geologe, Biologe und Chemiker interdisziplinär gearbeitet, seine Messpunkte wenn nötig verlagert, die Begriffe Peripherie und Zentrum immer wieder infrage gestellt, sich selbst Perspektivwechsel verordnet. Solch einen Suchprozess, immer wieder uns selbst hinterfragend, vollziehen wir auch bei Welche Zukunft?!. Es geht darum, eigenes Wissen zu teilen, keine absolute Wissenshoheit zu behaupten, Unkontrollierbares zuzulassen. Wir entwickeln uns von Reise zu Reise, auch wenn wir räumlich lediglich zwischen dem Deutschen Theater und dem Humboldt Forum pendeln.

Das Interview führte Lars Klaaßen.

Andres Veiel
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gilt als einer der profiliertesten Vertreter einer politisch engagierten Kunst. Besonderes Merkmal der Arbeitsweise Veiels ist die intensive, teil weise mehrjährige Recherche als Grundlage für seine Projekte. Für seine Filme Winternachtstraum (1991), Balagan (1993), Die Überlebenden (1996), Black Box BRD (2001), Die Spielwütigen (2004), Der Kick (2006), Wer wenn nicht wir (2011) und Beuys (2017) hat er mehr als vierzig Auszeichnungen erhalten, darunter den Europäischen Filmpreis und mehrfach den Deutschen Filmpreis. Seine Theaterstücke Der Kick (2006) und Das Himbeerreich (2013) wurden unter seiner Regie am Maxim Gorki Theater und dem Deutschen Theater uraufgeführt und zu zahlreichen Gastspielen eingeladen (u.a. zum Berliner Theatertreffen).

Jutta Doberstein
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ist freischaffende Autorin und Stoffentwicklerin im Bereich Film und Fernsehen. Neben der Realisierung fiktionaler Formate hat sie sich vor allem auf die Entwicklung dokumentarischer Stoffe und Online-Formate spezialisiert. Bei verschiedenen Filmfestivals war sie als Kuratorin und Mitglied in Auswahlkommissionen tätig. Mit Andres Veiel verbindet sie eine mehrjährige Zusammenarbeit. Jutta Doberstein arbeitet zudem regelmäßig als Übersetzerin von Spielfilmdrehbüchern und Dokumentarfilmen.

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